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Katalog Comicfest München, Mein Gott!
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Mein Gott!

Über den Hinduismus, religiöse Comics in Indien und den befremdeten europäischen Blick auf sie

Image Es gibt Menschen, die werden durch Gottes Stimme vom Himmel herab berufen. Und es gibt Menschen, denen das beim fernsehen widerfährt. Dem Ingenieur Anant Pai zum Beispiel. Im Februar 1967 stand er in einem Buchladen in Delhi vor einem Fernsehschirm und sah Kandidaten bei einer eher drögen Quiz-Show versagen. Der Student einer der angesehensten Universitäten des Landes wusste nicht, wer die Mutter des Helden Rama gewesen war. Rama ist der Held eines der beiden großen indischen Nationalepen, des Ramayana. Anant Pai war daher als Befürworter der mythologischen und religiösen Tradition entsetzt. Er gab seinen Job als Chemiker auf und begann Comics zu zeichnen.

Der Wissenschaftler Balwant Gargi schrieb in seinem Werk „Theatre in India“, die Nationalepen Ramayana und Mahabharata hätten „indische Kunst immer schon beeinflusst. Bildhauerei, Malerei, Theater, Dichtung und Tanz nehmen ihre Ideen und Bilder aus diesen Epen. Sie sind das Rückgrat der Kunst und Moral.“ Und der Religion. Der Hinduismus ist keine Stifterreligion, sondern eine Synthese verschiedener Traditionen und volkstümlicher Kulte. Geschichtsschreibung, Mythos und Religion sind daher nicht zu trennen.

Die höchste kanonische Autorität aller Hindus sind die vier Veden. Diese in Sanskrit zwischen 1300 und 900 vor Christus verfassten Texte gliedern sich in eine Sammlung von Hymnen, ein Opferbuch, ein Liederbuch und eine Sammlung von Zaubersprüchen. Zusammen mit den Brahmanas, welche Priesterrituale beschreiben, und den mystisch-philosophischen Meditationen der Upanishanden bilden die vier Veden den Offenbarungskanaon des Hinduismus: Shruti („Das Vernommene“). Über Jahrhunderte wurden sie allein mündlich überliefert.

Die einheitlichen Glaubenselemente des Hinduismus sind das Bewusstsein eines ewigen Kreislaufs der Wiedergeburt, dem jedes Wesen – auch ein Gott – unterworfen ist. Nach dem Verhalten im vorhergehenden Leben bestimmt sich die Art der Reinkarnation im nächsten. Ziel jedes Lebewesens ist die Erlösung (Moksha) aus dieser Kette der Wiedergeburten durch Askese, Yoga, Gottesliebe, oder magische Praktiken.

Ingesamt werden im Hinduismus gut 33000 Gottheiten verehrt. Die meisten haben lediglich lokale oder regionale Bedeutung. Viele Gläubige verehren nur einen Gott. Am verbreitetsten sind die Anhänger Shivas, Vishnus und die der Göttin Devi. Shiva verkörpert zugleich den Zerstörer und den Erneuerer. Er erscheint manchmal als mit einem Tigerfell bekleideter Asket, soll aber auch in verschiedenen Gestalten als Mensch, Tier und Pflanze auf der Erde gewesen sein.

Vishnu wird als allgegenwärtiger Gott in Gestalt verschiedener Inkarnationenverehrt, zum Beispiel als Fisch, als Schildkröte oder als Eber.

Die Göttin Devi wird von vielen Gläubigen als einzige Göttin gesehen, alle übrigen Göttinnen sind demzufolge nur Ausprägungen von Devis unterschiedlichen Naturen. Auch sie erscheint in vielen Formen: Als unbesiegbare Kämpferin weist sie überhebliche Kriegsherrn in ihre Schranken. Als Kali („die Schwarze“) schlachtet und verzehrt sie Gegner, tanzt dann geschmückt mit Schädeln und abgeschnittenen Händen auf den Leichnamen.

Unter Balwant Gargis Begriff indischer Kunst fallen natürlich auch indische Comics. Die von Anant Pai begründete Reihe „Amar Chitra Katha“ bringt seit nun über drei Jahrzehnten Kindern den Hinduismus nahe. Weit mehr als 500 „Amar Chitra Katha“ – Bände sind bis heute erschienen und wurden zum Teil in 38 Sprachen übersetzt.

Die Inhalte sind teilweise eine direkte Verarbeitung religiöser Überlieferung. Während im Hinduismus Shruti („Das Vernommene“) nur mit wortwörtlicher Exaktheit überliefert wird, gibt es beim praktischen Handbuch des Hinduismus, den Smriti („Das Erinnerte“) keine Einschränkungen für improvisierte Varianten und Umformulierungen. Zu diesen gehören eben die beiden großen Epen Mahabharata und Ramayana.

Das Mahabharata wird in der „Amar Chitra Katha“ - Reihe in 14 Comic-Bänden mit je gut 100 Seiten verlegt. Es erzählt von Kämpfen innerhalb einer Dynastie, zwischen den Kaurava- und den Pandavabrüdern. Der Gott Vishnu steht in der Inkarnation als Krishna den Pandavabrüdern als Wagenlenker bei. Das Ramayana erzählt von den Taten des Ramas – auch er gilt als Inkarnation des Gottes Vishnu -, der auf die Erde kommt, um das Gesetz (dharma) wiederherzustellen. Beide Epen entstanden im Kern zwischen 300 vor und 300 nach Christus.

Eine andere Quelle für das Material religiöser Comics sind die Puranas. Sie wurden nach den Epen niedergeschrieben, zwischen 400 und 1600 nach Christus. Sie beschreiben zum Beispiel die Kindheit Krishnas, die im Mahabharata nicht ausgeweitet wurde. Die Puranas enthalten auch ergänzende Mythen, Loblieder, Philosophien, Ikonographien und Rituale. Einige Puranas sind wohl auch wesentlichen älteren Ursprung als die Epen. Sie behandeln Themen wie Schöpfung, Neuschöpfung nach der periodischen Vernichtung der Welt oder die Genealogie der Götter und der heiligen Weisen.

Es ist ungewohnt, einen Gott in Sprechblasen reden zu sehen. Zumindest für Europäer. In Indien tritt man den Bildern von Göttern anders entgegen. Es sind nur Abbildungen, anders als die Skulpturen in hinduistischen Tempeln ist das Papier kein Aufenthaltsort für einen Gott. Im Unterbewusstsein vieler Europäer hingegen hat ein anderes, ursprünglich christliches Verständnis Einfluss. Bei einem katholischen Gottesdienst zum Beispiel erfolgt eine Verwandlung noch immer die Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Jesu Christi: Er ist zwar nicht sichtbar, aber dennoch leibhaftig gegenwärtig.

Der europäische Blick erstarrt also oft in einer somnambulen Befangenheit beim vermeintlichen Erblicken der göttlichen Aura der hinduistischen Gottesbilder. Wir verspüren eine nicht genauer zu artikulierende Befremdung, wenn wir einen Gott auf einer Comicseite sehen. Denn das Heft ist eines der flüchtigsten Medien, das mit seinem oft billigen Papier deutlicher noch als das Kino den Verlust der Aura des Bildes im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit zeigt. Das ist der Grund für unser Unbehagen: Wir suchen den Gott in seinem Abbild zu erblicken. Das ist eine Folge christlicher Tradition der Bildbetrachtung.

Zu Beginn des vierten Jahrhunderts nach Christus mahnte ein Konzil im spanischen Elvira: „Malereien darf es in der Kirche nicht geben.“ Gefürchtet wurde die heidnische Annahme, im Bild sei das Abgebildete gegenwärtig, gefürchtet wurden Bilder, die nicht zu belehren und erbauen, sondern selbst das Überirdische zu vergegenwärtigen suchten.

Die Furcht vor dem Kultbild ist sicher auch ein Grund für die enorme Verbreitung der Hagiographie im Mittelalter. Diese Textgattung – der Name ist eine Zusammensetzung des griechischen hagios (heilig) und graphein (schreiben) – beschreibt das Leben der Heiligen. Es geht darin nicht um ihre weltliche Biographie, sondern um die Darstellung des Wirken Gottes in und durch seinen Heiligen. Darstellung ist hier wörtlich zu nehmen. In gewissem Sinne ist die mittelalterliche Hagiographie die christliche Version der „Amar Chitra Katha: „Die großen Taten, die gefährlichen Versuchungen, die zahllosen ganz wunderbaren Begebenheiten, die Bestrafung so vieler Böser und Hochmütiger, diese Dinge können nicht nur erbauen, sie sind auch interessant und gewissermaßen kurzweilig. So wurde die hagiographische Literatur zu einem guten Teil die Unterhaltungsliteratur des Mittelalters“, schreibt der Religionswissenschaftler Günter Bernt.

Das Bild jedoch konnte nicht der Unterhaltung dienen. Zunächst wegen der Bilderfeindschaft, dann jedoch gerade wegen der gegenteiligen Bilderverehrung. Die „Libri Carolini“ zeigt diese Wandel. In dem am Hof Karls des Großen verfassten Gutachten über die Bilderfrage heißt es: „Den Bildern aber, von denen nicht geglaubt wird, dass sie gelebt haben und einmal auferstehen werden (...), die allein Gott schuldige Verehrung zu erweisen, zeugt von Unachtsamkeit und Unverstand, ja von Unglauben.“ Die Verehrung der Bilder ist immer noch verpönt. Jedoch wird eine Hintertür geöffnet: „Den heiligen Leibern Ehre zu erweisen ist von großem Nutzen, zuvörderst deswegen, weil die Heiligen, wie wir glauben, im Himmel auf Thronen mit Christus leben und ihre Gebeine einmal auferstehen werden.“ Die Reliquien der Heiligen also dürfen verehrt werden, als wären sie ein Aufenthaltsort, nein, als wären sie die Heiligen selbst. Im Verlauf des Mittelalters war die Verehrung der Reliquien und die Verehrung der Bebilderungen und Verzierungen der Reliquien eins. Doch sie ging auch auf die Bilder über. Gegen Ende des Mittelalters beschrieb der Theologe Heinrich Seuse wie das Augenleiden eines Maler durch die Berührung von Abbildungen alter Klosterväter geheilt wurde.

Schon deren Bild hatte Wundermacht. Wie aber muss dann erst das Bild eines Gottes wirken? Dieses Denken ist der Grund für den befremdeten europäischen Blick auf religiöse indische Comics. Der Verlag der „Amar Chitra Katha“ – Reihe Diamond Comics hingegen hat kein Problem damit, neben den Göttercomic auch Reihen mit Flash Gordon, Phantom und Mandrake the Magician herauszubringen